Von Irene Lange, 03.08.11, 07:02h
Für Juri Gilbo, Dirigent der Russischen Kammerphilharmonie St. Petersburg, gibt es gleich zwei „romantischste Orte der Welt“: Zum einen seine Heimatstadt St. Petersburg, zum anderen Monschau. Die Musik erinnert an die magischen „weißen Nächte“.
MONSCHAU - Für Juri Gilbo, Dirigent der Russischen Kammerphilharmonie St. Petersburg, gibt es gleich zwei „romantischste Orte der Welt“: Zum einen seine Heimatstadt St. Petersburg, zum anderen Monschau. „Vor vier Jahren kam ich zum ersten Mal hierher und verliebte mich sofort in diese schöne Stadt“, schwärmt er. Doch zu seiner Opern- und Orchestergala „St. Petersburger Weiße Nächte“ hatte er Musik aus der russischen Heimat mitgebracht.
Die Musik erinnert an die magischen „weißen Nächte“ während der Sommerzeit in St. Petersburg, in denen es nicht dunkel wird. Dieses Naturphänomen hat viele Komponisten inspiriert, die dort lebten. Berühmte Namen sind darunter wie Pjotr Tschaikowsky, Nikolaj Rimsky-Korsakov, Aleksandr Borodin, Modest Mussorgski oder Sergej Rachmaninow. Wie fesselnd die Klänge der russischen Klassiker sind, zeigte sich bei der Monschau Klassik in einem Konzert der Spitzenklasse.
Vom der ersten bis zur letzten Note zeigte sich das Publikum fasziniert von der Leistung des Orchesters mit seinen Musikern, die von einem unglaublich vitalen, geradezu leidenschaftlichen Dirigenten mitgerissen wurden. Sie folgten ihm mit großer Sensibilität und steigerten sich zum dramatischen Crescendo bei ungeheurer Klangintensität - seien es die mitreißende Interpretation des „Säbeltanzes“ aus dem Ballett „Gayane“ von Aram Chatschaturjan oder die bekannten Tänze aus dem Ballett „Schwanensee“ von Tschaikowsky.
Als eine der besten Nachwuchssopranistinnen wird Diana Petrova in der Fachwelt gelobt - und das nicht von ungefähr. Ihre strahlende und kräftige Stimme trägt so weit, dass sie sogar im Monschauer Tal ein Echo wirft. Zudem ist sie rein äußerlich ein äußerst erfreulicher Anblick, so dass ihr die volle Bewunderung des Publikums zuteil wurde, besonders als sie das Lied „Nachtigall“ aus der Romanze „Solowej“ von Aleksandr Alabiev mit großer Innigkeit und atemberaubenden Koloraturen in schwindelnden Höhen sicher vortrug. Auch der Tenor Alex Wawiloff beeindruckte mit einigen Opernarien. Dieser Sänger ist mit seinem vielseitigen Repertoire Gast an großen Opernhäuser Europas und besticht durch seine kraftvolle Stimme. Harmonie im Dialog mit dem Orchester bewies Michel Gershwin an der Violine. Ebenso beeindruckte die Virtuosität, mit der er sein Instrument beherrscht.
Es war nicht nur in Bezug auf die Musik ein tolles Erlebnis. Juri Gilbo unterhielt zudem sein Publikum mit einer humorvollen Moderation, wie sie bei einem solch einem Konzertabend nicht allgemein üblich ist. Weil dem Publikum kein Programm der einzelnen Musikstücke vorlag, übernahm er kurzerhand nach der Pause die Ansagen, nachdem er auf diesen Umstand hingewiesen worden war. Zwischendurch forderte er sogar jemanden aus dem Publikum auf, sein Dirigat zu übernehmen: „Da muss man nichts können.“ Tatsächlich meldete sich eine junge Dame, die beherzt das Podium betrat, um das Spiel des Orchesters zu leiten. Dass das Stück nicht danebenging, war dann doch wohl mehr dem Können der Musiker zu verdanken...
Mit einem zauberhaften Duett aus der Oper „Boris Godunov“ (Mussorgski), von Petrova / Wawiloff gesungen, endete das offizielle Programm. Doch „die Zahl der Zugaben ist vom Applaus abhängig“, hatte Gilbo zuvor bemerkt. Mit Bravo-Rufen und Fußgetrampel lockten die begeisterten Monschau-Klassik-Besucher noch mehrere Zugaben heraus, bevor die Musiker endgültig mit ihren Instrumenten und ihrem nun doch etwas erschöpften Dirigenten die Bühne verlassen konnten. Alle Künstler hatten dazu beigetragen, die Seele der russischen Musik lebendig werden zu lassen, so dass trotz des kühlen Sommerabends die Herzen „erwärmt“ wurden.
Quelle: Kölnische Rundschau, 03.08.11